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Quer gedacht - Meinungen und Hintergründe

Heftige Diskussion um Grass-Gedicht

veröffentlicht von V. Ammer am 7.4.2012
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Mit seinem Gedicht «Was gesagt werden muss» (nachzulesen u.a. bei www.welt.de) hat Günter Grass sehr unterschiedliche und teilweise heftige Reaktionen ausgelöst.

Die BILD-Zeitung tituliert „Nazis feiern Günter Grass“ und zitieren eine „Lobeshymne“ des sächsischen NPD-Landtagsabgeordneten Jürgen Gansel. (Quelle: www.bild.de, abgerufen am 7.5.2012 um 13.30 Uhr)  

Die kürzlich von der Partei DIE LINKE als Kandidatin für das Bundespräsidentenamt aufgestellte Beate Klarsfeld zieht Parallelen zwischen Adolf Hitler und Günter Grass: „Klarsfeld zitierte in einer Mitteilung am Freitag aus einer Drohrede, die Hitler 1939 gegen «das internationale Finanzjudentum» gehalten habe. Sie fuhr fort, wenn man den Ausdruck «das internationale Finanzjudentum» durch «Israel» ersetze, «dann werden wir von dem Blechtrommelspieler (Anm.: gemeint ist Grass) die gleiche antisemitische Musik hören».“ meldet am 6. April die Augsburger Allgemeine. (Quelle: www.augsburger-allgemeine.de, abgerufen am 7.5.2012 um 13.30 Uhr) 

Das Gedicht hilft den Hardlinern“ meint Moshe Zimmermann, Historiker an der Hebräischen Universität Jerusalem, im Berliner Tagesspiegel (Quelle: www.tagesspiegel.de, abgerufen am 7.5.2012 um 13.40 Uhr) „Nicht nur, weil der Aufruf von Günter Grass den eigentlichen Sachverhalt ignoriert, und auch nicht nur, weil in seinem Text sich das Bestreben verbirgt, die Nazivergangenheit zu relativieren. Vor allem handelt es sich um einen Bärendienst. Diese „Hilfe“ ist kontraproduktiv und leistet gerade den Kräften in Israel – Netanjahu, Liebermann etc.– Vorschub, die davon überzeugt sind, dass die Welt uns das Existenzrecht absprechen möchte und man deswegen keine kompromissbereite Politik betreiben darf. […] Der Verdacht kommt auf: Zeigt man Verständnis für den Iran (siehe auch den Aufruf der „Kooperation für den Frieden“) nicht deswegen, weil Iran das sagt, „was gesagt werden muss“, nämlich, dass die Schuld für die Shoah (die ja nicht stattfand) bei den Juden selbst liegt? […] Und noch wichtiger: Als Bärendienst erweist sich die Intervention von Grass deswegen, weil sie von der eigentlichen Sache ablenkt – vom palästinensisch-israelischen Konflikt. Die Kritik an Israels Palästina- und Siedlungspolitik ist berechtigt, die Bemühungen um den Frieden zwischen Israel und den Palästinensern sind jedoch auf Eis gelegt, unter anderem, weil die gegenwärtige Diskussion um den Iran von diesem Problem ablenkt. Das ist just der Gedanke, der hinter der Taktik der israelischen Regierung steckt: Iran als Buhmann aufzubauen, die Existenzfrage und das Existenzrecht Israels (oder die SS-Vergangenheit von Günter Grass) in den Mittelpunkt zu rücken. Und dass alles, um das Palästina-Problem zu marginalisieren. So helfen paradoxerweise am Ende Günter Grass und Co. Netanjahu, Liebermann und Ahmadinedschad. Sie helfen nicht den Menschen im Nahen Osten, nicht den Palästinensern und schon gar nicht Israel. 

Der „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost e.V.“ (vgl. de.wikipedia.org, abgerufen 7.5.2012 um 14.10 Uhr) gratuliert in einer Stellungnahme vom 5. April Günter Grass „für seine aufrichtige Aussage in bezug auf die Atompolitik Israels.“ (Quelle: www.juedische-stimme.de, abgerufen am 7.6.2012 um 13.15 Uhr) „Wir verteidigen das Recht aller deutscher Bürger und Bürgerinnen die menschenverachtende Politik des Staates Israel zu kritisieren, ohne als Antisemiten diffamiert zu werden. Diese Taktik dient nur dazu, jegliche Kritik an der israelischen Politik abzuwürgen, wie auch vom real existierenden Antisemitismus abzulenken.“ 

Aus dieser Auswahl an Pressestimmen kann man erkennen, dass eine einfache „Schwarz-Weiß-Sicht“ bei einem so sensiblem Thema wie dem Frieden im Nahen Osten nicht sonderlich hilfreich ist. Die Wahrheit ist weit komplexer und liegt irgendwo zwischen „Grass ist ein Antisemit“ und „gut, dass das mal jemand so offen gesagt hat“. Wir wissen nicht, was Grass tatsächlich denkt und was er tatsächlich mit seinem Gedicht erreichen wollte. Ob er mit dem Gedicht tatsächlich die Gefahr eines Atomkriegs verringern kann, darf bezweifelt werden. Vielmehr stellen seine Worte eine willkommene Projektionsfläche für die Gedanken und Ziele anderer Menschen dar, und das in sehr gegensätzliche Richtungen. 

Grass ist aufgrund seiner lange verschwiegenen SS-Vergangenheit meiner Meinung nach die falsche Person für eine noch so berechtigte Kritik an israelischer Regierungspolitik. Er wählt offensichtlich auch den falschen Kontext und die falschen Worte. Bleibt zu hoffen, dass die Diskussion um das Gedicht zu einem differenzierterem Nachdenken über Kriegs- und Rüstungspolitik anregt und nicht nur bereits vorhandene plakative Meinungen bestätigt. Dabei herauskommen sollte weder eine Verharmlosung der Bedrohung Israels durch den isrealfeindlichen Hetzer Ahmadineschad noch ein Verzicht auf jegliche Kritik israelischer Regierungspolitik. Solch eine differenzierte Betrachtung eignet sich aber nicht so gut für Schlagzeilen. 

(V. Ammer)

Nachtrag vom 10.04.2012:

"Was auch noch gesagt werden muss"

Weitere lesenswerte Kommentare zur Grass-Debatte von Moshe Zuckermann, Noam Chomsky, Domenico Losurdo, Rolf Verleger, Ekkehart Krippendorff und Norman Paech: www.hintergrund.de

 

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